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15.03.2018 | Stadtverband Oberndorf - Robert King
Eine Geschichtsstunde mit entscheidenden Fragen für unsere Zukunft
Carsten Kohlmann, Jörg Leist und Erwin Teufel erinnern an das große Lebenswerk von Josef Andre

Als „Geschichtsstunde“ war diese Veranstaltung des CDU-Stadtverbands Oberndorf angekündigt. Was die Besucher im Don-Bosco-Heim erlebten, war eine solche, aber weit mehr: ein bewegendes Zeugnis über den herausragenden Zentrums- und CDU-Politiker Josef Andre und Einblicke in eine Zeit, in der zwischen Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Diktatur und Wiederaufbau in der Demokratie so gut wie alles dabei war. Und in der es vor allem galt, Verantwortung zu übernehmen.

Dabei war es dieser Dreiklang der drei Redner, durch die ein genauso umfassendes wie eindrückliches Bild entstand. Einblicke, durch die Schilderung des Historikers Carsten Kohlmann, der durch seine Worte und die so treffende Auswahl an Bilddokumenten das Leben von Josef Andre wider gab: schon in jungen Jahren setzte er sich in Folge der damals entstandenen Auseinandersetzung über die soziale Frage – wird sie sozialistisch oder christlich beantwortet? – klar und eindeutig festlegte. Josef Andre, in Schramberg geboren und aufgewachsen, lernte in seiner Heimatstadt das Schreinerhandwerk, bei einem sozialdemokratischen Arbeitgeber (!), wurde mit 27 Jahren für das Oberamt Oberndorf in den württembergischen Landtag gewählt, war Mitglied der Weimarer verfassungsgebenden Versammlung und Mitglied des Reichstags. Ein Leben in Fülle, mit Entbehrungen, mit Verfolgung und Verhaftung durch die Nationalsozialisten, mit dem Neuanfang nach der Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Diktatur.

Erwin Teufel, der ehemalige Ministerpräsident und einer der besten und intimsten Kenner gerade jener Zeit, ging in seinem, sehr einfühlsamen Beitrag darauf an, dass viele derer, die schon in der Weimarer Republik Verantwortung getragen hatten, auch bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland Verantwortung getragen haben. Und warum es nicht möglich war, dass in den Jahren 1989/90 es nicht möglich war, dass Menschen aus der demokratischen Verantwortung  und aus dem eigenen Mitwirken heraus anschließen konnten an ähnliches Tun. Ganz einfach, so die nachvollziehbare Erklärung: In der zu Ende gehenden DDR lagen zwei Diktaturen, von 1933 an bis 1989. Da war niemand mehr da, der hätte anknüpfen können an demokratisches Mitwirken.

Was nichts anderes bedeutet als das, was Carsten Kohlmann einfließen ließ in seinen Beitrag und bei Erwin Teufel ganz besonders zum Tragen kam: Gerade in heutiger Zeit, in der die Ränder zunehmen, in der demokratisches Bewusstsein immer mehr schwindet, ist es umso notwendiger und wichtiger, Verantwortung zu übernehmen. So wie dies Josef Andre in geradezu herausragender Weise getan hat.

Und wenn er im Jahr 1944 im Zug des Attentats auf Hitler festgenommen und interniert worden ist, mit all den Auswirkungen auf seine Familie, so wird  die Sorge von Erwin Teufel um die Brüchigkeit von Demokratie und Rechtsstaat überdeutlich. Das Erbe von herausragenden Persönlichkeiten wie Josef Andre weitergeben, ihrer Verpflichtung gerecht werden, das war und ist die Leitlinie, die die gesamte Veranstaltung durchzog.

Selbst für Erwin Teufel war es erstaunlich, wie jung die Männer waren, die damals mitwirkten: „Sie waren alle um die 25 Jahre, und es war alles geprägt von großem zeitlichen und persönlichem Einsatz.“ Alleine schon die Fahrten durch das ganze Land, die Tatsache, dass Josef Andre im Landtag und im Reichstag saß, gleichzeitig für die Familie da sein musste: von der großen Hochachtung sprach der frühere baden-württembergische Ministerpräsident mit dem Blick auf den Mann, der seine Wurzeln in Schramberg und in Oberndorf hat. Und der Politik in Deutschland in so herausragender Weise mitgeprägt hat.

Jörg Leist war von 1968 bis 2001 Oberbürgermeister von Wangen im Allgäu. An diesem Abend aber war er in Oberndorf mit dabei als Enkel von Josef Andre: er hatte erlebt, wie sein Großvater von zwei Polizisten abgeholt worden ist, er berichtete in ganz eindringlichen Worten darüber, was es bedeutete, im NS-Regime in dem Lager in Oberndorf inhaftiert zu sein.

Und dann der Neuanfang. Anders als andere, resignierte Josef Andre nicht. Im Gegenteil. Mit der Gründung der CDU, „der einzigen politischen Innovation nach dem Zweiten Weltkrieg“ (Erwin Teufel) war er mit dabei, übernahm Verantwortung, legte mit die Grundlagen dafür, dass wir heute seit 70 Jahren in Frieden und Wohlstand leben.

Und Erwin Teufel erinnerte an Lorenz Bock, den Staatspräsidenten von Württemberg, an dessen Schicksal. Zurückgekehrt von schwierigsten Gesprächen in Baden-Baden starb er wenige Stunden danach. In seiner Heimatstadt Rottweil.

Auf allen ihren Schultern konnten die aufbauen, die danach kamen.

Deren Erbe erhalten und weitertragen – dies war eine wesentliche Botschaft dieser so ganz besonderen Geschichtsstunde.

Wer hat sie erlebt? Viele, die aus eigenem Anschauen und Erleben mit dabei gewesen waren über die Jahrzehnte hinweg. Franz Sauter, der über Jahrzehnte hinweg in der CDU, im Deutschen Bundestag, in vielfältigen Funktionen und als ganz außergewöhnliche Persönlichkeit in diesem Bewusstsein gewirkt haben.

Diejenigen jedoch, die es angeht, „eigentlich“, wissen die um ihre Aufgabe? Wo sind die heutigen „um die 25“?

Die Veranstaltung im Don-Bosco-Heim, moderiert von Robert Häring, dem Vorsitzenden der CDU Oberndorf, fand ohne sie statt. Von dem „schwäbischen Fleiß“, von der „unglaublichen Lebensleistung“ des Josef Andre hatte Carsten Kohlmann gesprochen. Die Schilderung von Jörg Leist, wie sein Großvater und die gesamte Familie die Zeit der Inhaftierung erlebten („Da kam ein Paket, mit einem Unterhemd mit blutigem Rücken …“), die von Erwin Teufel beschriebenen damaligen Debatten um die Gründung der CDU als Antwort auf diese so dunkle Zeit – all dieses ergibt ein Gesamtbild mit vielen Facetten.

Einmal das der dankbaren Erinnerung und Rückbesinnung. Dann aber mit dem Blick auf die Zerrissenheit und die Fragilität einer Gesellschaft in diesen Zeiten des Umbruchs, wie es sie noch nie gegeben hat.

„Was soll werden?“ fragte der damalige Landtag von Bebenhausen angesichts von Not und Zwangsbewirtschaftung. Was damals wurde, wissen wir.  Welche Antworten wird es auf die heutigen Herausforderungen geben? Was soll werden?    
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